Mir fällt es die Tage wieder sehr stark auf, leider Gottes bei meinem Verein Darmstadt 98. Mir fällt die Tendenz der Beliebigkeit auf. Bayern München kommt am Dienstag zu einem Benefizspiel ans
Bölle ( SV Darmstadt 98: Bayern München kommt am 13.05. zu einem Benefizspiel ). Dieses Spiel ist selbstverständlich wichtig
hinsichtlich unserer Situation ( SV Darmstadt 98 - Tradition ohne Zukunft? ), ebenso ist es bereits ausverkauft und das
hessenfernsehen wird ab 20:15 live diese Partie übertragen. Wir brauchen dieses Geld und ich finde es auch immer wieder toll von Uli Hoeneß, wie unbürokratisch und spontan er notleidenden
Traditionsvereinen hilft.
Was mich allerdings stört ist die Euphorie unter langjährigen Fans, die jetzt wegen Bayern München abgehen wie Zäpfchen, Dankesplakate für Uli Hoeneß fordern, sich gegen Anti-Gesänge aussprechen
und so weiter. Ich bin Fan des SV Darmstadt 98, nicht von Bayern München. Ich freue mich, dass Bayern kommt, damit unsere Rettung möglich wird und der Verein noch mal eine andere Plattform
bekommt, um Sponsoren zu überzeugen. Bayern München an sich ist mir aber Scheißegal. Der Verein hat aufgrund der Kürze der Zeit kein Vorkaufsrecht (bspw. 4 Karten pro Mann) für Mitglieder und
Dauerkarteninhaber eingeräumt. Das ist insofern zu kritisieren, als dass jetzt im altehrwürdigen A-Block einige Leute sitzen werden, die mit Darmstadt 98 gar nichts am Hut haben, weil sie sich am
Tag des Vorverkaufs 10 Karten für diesen Block sichern konnten. Das ist insofern auch zu kritisieren, als dass Darmstadt 98 trotz sportlichem Misserfolg in den letzten 16 Jahren noch immer 3-4000
Zuschauer hat, die treu zum Verein stehen. Ich habe mittlerweile 4 Abstiege mitgemacht, 3 mal Viertklassigkeit, furchtbare Vorstände, charakterlose Spieler und grauenhafte Spiele. Einen Bonus hat
das sicherlich verdient bei solch einem Spiel. Das Gros der Fans sieht das aber nicht so, bügelt Kritik ab, da Negativität jetzt fehl am Platz sei. Diese Meinung, die ich nicht ganz alleine
vertrete, ist aber nicht künstlich negativ, sondern realistisch. Jedes 3. Wort im Fanforum der Lilien ist "Event". Am Dienstag findet ein Event mit den großen Bayern statt. Diese Beliebigkeit
macht die klassische Fußballkultur, die Darmstadt zu etwas Besonderem über seine gesamte Vereinsgeschichte hinweg gemacht hat, kaputt.
Es war schön Solidarität in ganz Fußballdeutschland zu spüren, als vor 2 Monaten die drohende Insolvenz publik wurde. Seitdem fahren die Fans aber so einen freundlichen, beliebigen,
weichgespülten Kurs, der nichts mehr von der Rivalität, Aggression bzw. Attributen, die den Fußball über hundert Jahre ausgemacht hat, übrig bleiben lässt. Wenn es so weiter geht, lässt sich
sagen: Darmstadt 98 ist im Profifußball angekommen.
Nicht Hoffenheim oder Wehen-Wiesbaden machen den Fußball kaputt. Beide Vereine sind Auswüchse, die es im Fußball immer gab, aber auch ein Spiegelbild der zunehmenden Kommerzialisierung sind. Wer
wirklich dem Fußball und klassischer Fankultur schadet, sind die Traditionsvereine, wie Bayern München, der HSV, Borussia Dortmund, Schalke 04 oder auch St. Pauli. Derbys werden als Events
zelebriert, auch von den Fans und gerade von den ach so kreativen Ultras. Fußball hat nicht mehr die gute alte Bratwurstmentalität, wie in den 80er und 90er Jahren. Fußball hat nichts mehr
Ursprüngliches. Die Vereine forcieren diesen Kommerzgedanken, die Fans machen es aber auch mit. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Die Fans meckern zwar und halten Che Guevera
Doppelhalter in die Luft, um ihre Individualität (mir wird grad speiübel) zu präsentieren, tragen aber die komplette Entwicklung mit. Zwar kritisch, aber nicht so, dass die Vereine nicht
gerade so weitermachen könnten. St. Pauli ist das Paradebeispiel eines Vereins, der nur noch außen hin diese Indiviualität und Anarchie der 80er verkörpert. St. Paul ist Kommerz pur.
Ein Argument dieser Veränderungen ist ja immer, dass man international konkurrenzfähig bleiben müsse bzw. wie bei St. Pauli national eben noch eine Rolle spielen möchte. Unbeachtet bleibt dabei,
dass die Vereine alle selbst gestalten können. National, wie international. Die Vereine gestalten, die Fans gestalten und nicht eine böse, unkontrollierbare Macht im Hintergrund. Der Kunde,
wie von den Vereinen die Fans gesehen werden, machen mit ihrer Nachfrage deutlich, dass alles okay ist. Die Kritik, die dann genau aus diesen Fankreisen kommt, ist doch mehr als schizophren und
muss im Nichts verhallen. Wer kann und soll solche Fans denn bitte ernst nehmen? Als Vereinsvertreter könnte ich dies auch nur schwerlich, da die Leute ja eh kommen, egal wie die Strukturen
sind.
Mit Grauen denke ich an die WM 2006 zurück und mit Grauen denke ich an die EM 2008. Diese Beliebigkeit, diese "Wir haben uns alle lieb" Mentalität, diese Mode Fußballgroßveranstaltungen in riesen
Gruppen zu schauen, wo die Hälfte überhaupt nichts vom Fußball versteht, ist grauenhaft. Ich frage mich schon lange, warum ich ein Fan der englischen Mannschaft bin und nicht Fan des Teams meines
Heimatlandes: Anhand solcher Ereignisse wird mir dies deutlich. Public Viewing kann ja was Tolles, aber nur mit 50.000 England-Fans, die ganz klassische Werte des Fußballs vertreten. Alles andere
ist beliebig. Beliebigkeit macht den Fußball kaputt.
Sicherlich: Fankultur verändert sich. Diesen Verrat am Fußball und klassischer Fankultur werde ich persönlich dauerhaft aber nicht mitmachen. Das mag im Endeffekt den Vereinen, anderen Fans oder
sonstwem Scheißegal sein, allerdings wäre dies, aber erst nach einem entsprechenden Einsatz für das, an was ich in diesem Kontext glaube und mich reizt, meine letzte Konsequenz.
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