Monday, 22. november 2010
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17:37
Heute imitiere ich mal mein Idol Franz-Josef Wagner. Ich kann auch sinnentleerte offene Briefe an Hinz und Kunz schreiben. Allerdings mache ich dies nicht für Springer, womit ich mich moralischer
im Recht sehe.
Liebe "Terroristen",
in den letzten Tagen konnte ich einiges über Euch respektive Eure Pläne lernen. Ihr wollt Weihnachtsmärkte, Hotels oder gar den Reichstag, das Herzstück unserer Demokratie, in dem schon
Hitler seine Thesen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verbreiten durfte, attackieren. Doch ich frage mich: Mit welchem Ziel? Sollte es nur um Terror gehen, ist das Ziel natürlich klar
definiert. Sollte es allerdings um Verhaltensänderungen der westlichen Welt gegenüber anderen Staaten gehen, dann sind eure Pläne eher für die Füße.
Warum?
Wir sind Deutsche. D.h.: Wir sind von der gleichen kranken Konsumidee zerfressen, wie auch die Amerikaner oder andere hochindustrialisierte Staaten. Natürlich gibt es nicht die "Deutschen".
Es gibt auch nicht "den Moslem" oder "den Terroristen", aber eine große Masse an Menschen in unserem Land ist nicht mehr im Stande zu reflektieren. Wir haben den Bezug zu uns und unserer Umwelt
verloren. Wir faseln etwas von Toleranz und stimmen in der Mehrheit den rassistischen Thesen von Thilo Sarrazin zu. Letzterer darf jetzt wohl sogar bei einem Mainzer Karnevalsverein eine Laudatio
auf einen Kabarettisten halten. Warum? Weil er im letzten Jahr selbst diesen Preis bereits erhalten hat, obwohl seine Thesen damals schon nicht weniger rassistisch waren. Im karnevalistischen
Kleinmut werden die Kritiker dieses Vorgangs als "humorlos" diffamiert. Eine böse Luftnummer, wenn man sich intellektuell im karnevalistischen Dünkel bewegt. Es zeigt aber, wie salonfähig
rassistische Thesen mittlerweile wieder in Deutschland sind. Dabei haben wir doch eine so tolle Demokratie. Genau da besteht ja auch die Krux. In der Mehrheit haben sich "die" Deutschen nie für
eine Demokratie eingesetzt. Die beiden demokratischen Epochen wurden uns von anderen Ländern mehr oder weniger befohlen. Gerade deshalb ist sie hierzulande so fragil.
Wir reflektieren derzeit nicht mal, warum Sie überhaupt diese Pläne haben. Gut, ich weiß nicht mal, ob Sie existieren. Luftnummern von Geheimdiensten sind wir ja gewohnt. Auf der anderern
Seite ist die Einschätzung, dass uns auch hierzulande Anschläge drohen nur realistisch. Es ist schon bizarr: Wir werfen Bomben auf Zivilisten in Afghanistan, wir (die westliche Zivilisation)
führen Konzentrationslager (Guantanamo Bay), tote Zivilisten sind für uns Kollateralschäden und schlussendlich wundern wir uns oder sind empört, dass es Menschen gibt, die uns abgrundtief hassen.
Ich könnte jetzt sagen: Es stehen nicht alle hinter dieser Politik. Dies ist auch so und wer meinen Ausführungen folgt wird merken, dass ich diese Politik von Grund auf ablehne. Doch was machen
wir dagegen? So gut wie nichts.
Wie komme ich zu dieser Annahme?
Wir haben unsere Metzger selbst gewählt. Wir haben uns über die Finanzkrise und die bösen Banker aufgeregt und dann schwarz-gelb gewählt. Diese Koalition ist ein Büttel der Wirtschaft. Und
was machen wir? Wir regen uns darüber auf. Wir haben Hitler gewählt und uns nach dem Krieg pro forma über seine Unmenschlichkeit echauffiert. Im nachhinein war dann jeder ein Freiheitskämpfer. Um
zu beweisen, dass nicht jeder Deutsche ein Nazi war, wählen wir Avatare aus den Kreisen der ATTENTÄTER (aus damaliger Sicht auch Terroristen; es liegt ergo im Auge des Betrachters, wer Terrorist
ist und wer nicht), die wir als Symbolfigur der Freiheit wähnen und erklären, obwohl sie kleine, angepisste, von Macht Getriebene waren, die nur ihren Vorteil im Blick hatten und nicht die
Erlösung eines Volkes aus dem Würgegriff einer Terrorherrschaft. Geschichtsklitterung par excellence...
Wir haben eine Regierung die anderen Ländern erklärt, wie man mit einer Finanzkrise richtig umgeht. Wir, die Exportweltmeister. Wir, die wir unseren Wohlstand auf Kosten anderer
aufrechterhalten. Wir sind Exportweltmeister, weil die Masse der Bevölkerung am Aufschwung nicht beteiligt wird. Wir sind reich, weil wir unsere Waren, die wir überproduzieren an die 3. Welt
weitergeben und dort Selbstversorgungsstrukturen zerstören. In Waffenexporten sind wir ebenso sehr groß und forcieren somit Unterdrückung, Hass und Gewalt in anderen Ländern, um dann in Gremien
und Konferenzen über Friedenslösungen zu schwadronieren. Pervers...
Wir echauffieren uns über das Schächten von Tieren bei Muslimen, fressen aber selbst tagtäglich Dreck. Wir bauen Farmen für abertausende von Hühnern und Puten. Diese mästen wir solange, bis
sie sich die Beine brechen und nicht mehr bewegen können und ihren eigenen Fäkalien liegen. Aber: Die anderen sind doof...Faktisch zeigt sich aber am Umgang mit Tieren die Geisteshaltung eines
Menschen. Da kann ich uns nur ein unterirdisches Zeugnis ausstellen. Das zeigt sich dann auch in Debatten um Integration etc. Wir sind so dreist, arrogant und ignorant, dass wir lediglich eine
einseitige Integrationsleistung fordern. Das ist chauvinistisch. Beim Nachbarschaftsfest nehmen wir gerne die türkischen Köstlichkeiten der Nachbarin. Dann hat sich der Spaß im Umgang aber auch
schon wieder erledigt und der Chauvinismus prägt den alltäglichen Umgang.
Wir haben Politiker, aber auch Medienschaffende, die die drohenden Anschläge dazu missbrauchen, neue Sicherheitsgesetze zu fordern. Nach dem die erste Bombe hochgegangen ist, wird auch die
Bevölkerung auf dieser Welle mitschwimmen. Wir zeigen dann genau die Visage, die Sie uns vorwerfen. Dann folgen Sätze wie "Ich hab ja nix zu verbergen", die an mangelnder Reflektion nicht zu
überbieten sind.
Die Angst vor Euch ist diffus. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich morgen überfahren werde, ist ungleich größer. Daran ändert der erste Anschlag auch nichts. Ich möchte nicht, dass Anschläge
stattfinden. Ich bin aber auch nicht dazu bereit noch mehr freiheitliche Rechte aufzugeben. Zumal die Aufgabe dieser Rechte nicht nur der Vereitelung von Anschlägen dient, was per se auch schon
eine diffuse Annahme ist, sondern eine Bevölkerung unter Generalverdacht stellt.
Warum "wir"? Im Gegensatz zu Sarrazin und seinen Jüngern sehe ich alle Menschen, die hier leben, zu uns gehörig. Ausnahmslos alle, da ich einem Staat leben möchte, der keine Unterschiede
macht, in dem Solidarität, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gelebt werden.
Realistisch gesehen muss ich mich aber wohl neben diese Gesellschaft stellen und kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen, wie sie sich ihr eigenes Grab schaufelt. Der "pädagogische" Effekt von
Anschlägen wird, das liegt aber auch in ihrer Grausamkeit begründet, ausbleiben. Wir werden weiter gegen die Wand rennen. Die gleichen Fehler begehen. Bis zum Ende. Dann geht alles wieder auf
Anfang. Vielleicht gehört das zur menschlichen Natur. Vielleicht ist das der von Freud beschriebene Todestrieb. Wir haben den Krieg zu euch gebracht - jetzt bringt ihr den Krieg uns. Das ist
grausam, aber logisch. Warum wir die moralisch Überlegenen spielen, weiß ich nicht. Wir verbergen unsere Grausamkeit und fehlende Moral unter einer schöneren Flagge. Unsere Propaganda ist
"besser". Sie hat einen schöneren Anstrich. Wir können besser lügen. Darunter sieht es aber gleich aus.
Die letzten Worte dieses Briefes, den sich noch stundenlang in diesem Stile fortsetzen ließe, möchte ich Karl Popper überlassen: "Wir müssen für die Freiheit planen und nicht für die
Sicherheit, wenn auch vielleicht aus keinem anderen Grunde als dem, dass nur die Freiheit die Sicherheit sichern kann."
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